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By Friedrich Durrenmatt

ISBN-10: 3257017308

ISBN-13: 9783257017304

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Das kleine Dorf Viscos, wo das Leben in der Zeit stillzustehen scheint, ist der Schauplatz einer Schlacht zwischen dem Guten und dem B? sen. Chantal Prym – ein M? dchen, hin- und hergerissen zwischen dem Engel und dem Teufel, die sie in sich tr? gt – und andere Personen geraten in einen Konflikt mit Fragen ?

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Verweilend, als müsse sie diese bewachen, aber zusammenzuckte, als die Frühstückende unvermittelt fragte, ob sie Tina von Lambert gekannt habe, eine Frage, welche die Alte aufs neue zu verwirren schien, indem sie immer wieder »Tina« stammelte, »Tina, Tina«, auf den Mantel wies, dann fragte, ob die F. eine Freundin sei und als diese bejahte, sich vor Aufregung in ihren Sätzen verhaspelnd berichtete, soweit es die F. zu verstehen vermochte, Tina sei mit einem gemieteten Auto allein hierhergekommen, wobei sie das »allein« mehrmals wiederholte, auch etwas Unverständliches über das gemietete Auto hervorstammelte, sie habe ein Zimmer für drei Monate gemietet und die Gegend durchstreift und sei bis zur großen Sandwüste vorgedrungen, ja bis zum schwarzen Stein, womit sie offenbar die Ruine meinte, doch plötzlich nicht mehr zurückgekehrt, aber sie, die Alte, wisse, aber was die Alte wußte war unverständlich, sosehr die F.

Sich auch bemühte, hinter den Sinn der angefangenen, sich wiederholenden und abgebrochenen Sätze zu kommen, die Alte schwieg vielmehr plötzlich, wurde mißtrauisch, starrte wieder auf den roten Pelzmantel, wobei die F. spürte, die ihr Frühstück beendet hatte, daß die Alte etwas fragen wollte, aber nicht zu fragen wagte, weshalb die F. entschlossen aber nicht ohne Brutalität sagte, Tina werde nicht wiederkommen, sie sei tot, eine Nachricht, die von der Alten zuerst gleichgültig entgegengenommen wurde, so als hätte sie nicht begriffen, doch plötzlich fing sie an zu feixen, in sich hineinzukichern, aus Verzweiflung, wie es der F.

18 Er stellte ihren Koffer neben ihr Bett, er war nüchtern und frisch rasiert, trug einen sauberen weißen Anzug und ein schwarzes Hemd, es sei halb elf, er habe sie lange suchen müssen, sie liege nicht in ihrem Appartement, sie müsse es letzte Nacht verwechselt haben, offenbar sei sie durch das Erdbeben erschreckt worden, er erwarte sie zum Frühstück, und hinkte hinaus, die Türe schloß sich hinter ihm, sie erhob sich, das Bett war eine Couch, die Fotos an den Wänden stellten in verschiedenen Etappen die Explosion eines Panzerwagens dar, ein im Turm eingeklemmter Mann verbrannte, wurde zu Kohle, starrte verrenkt in den Himmel, sie öffnete den Koffer, zog sich aus, duschte, zog sich ein frisches Bluejeans-Kleid an, öffnete die Türe, wieder das Hämmern und Poltern, dann Stille, sie verlief sich, dann Räume, an die sie sich erinnerte, in einem Raum ein Tisch von Fotos und Papie- 56 ren leergefegt, Brot, auf einem Brett in Scheiben geschnittenes Corned beef, Tee, ein Krug mit Wasser, eine Büchse, Wassergläser, Polyphem hinkte aus einem Korridor herbei, eine leere Blechschüssel in der Hand, als hätte er einem Tier zu fressen gegeben, befreite einen Stuhl von Fotobüchern, dann einen zweiten, sie setzte sich, er schnitt mit einem Taschenmesser das Brot in Scheiben, sie solle sich bedienen, sie schenkte sich Tee ein, nahm eine Scheibe Brot, Corned beef, sie spürte plötzlich, daß sie Hunger hatte, er schüttete ein weißes Pulver in ein Glas, füllte Wasser nach, am Morgen trinke er nur Milchpulver mit Wasser, er müsse sich entschuldigen, er sei gestern betrunken gewesen, er trinke in der letzten Zeit, scheußlich diese Milch, es sei kein Erdbeben gewesen, sagte sie, nein, es sei keines gewesen, antwortete er, goß sich Wasser nach, es sei angebracht, daß er sie aufkläre, in welche Geschichte sie unfreiwillig geraten sei, denn offenbar wisse sie nicht, was sich im Lande eigentlich abspiele, fuhr er fort und hatte etwas Spöttisches, Überlegenes, schien überhaupt ein anderer Mensch zu sein als der, den sie am explodierten VWBus kennengelernt hatte, natürlich, über den Machtkampf zwischen dem Polizeichef und dem Chef des Geheimdienstes sei sie im Bilde, selbstverständlich bereite der erste einen Staatsstreich vor, versuche der zweite diesen zu verhindern, doch seien dabei noch andere Interessen im Spiel, das Land in welches sie mehr als leichtsinnig gekommen sei, wie ihn dünke, lebe nicht nur vom Fremdenverkehr und von der Ausfuhr pflanzlicher Stoffe für Polsterzwecke, die Haupteinnahme sei ein Krieg, den das Land mit dem Nachbarstaat um ein Gebiet in der großen Sandwüste führe, wo außer einigen verlausten Beduinen und Wüstenflöhen niemand lebe, wohin sich nicht einmal der Tourismus vorgewagt habe, ein Krieg, der nun schon seit zehn Jahren dahinmotte und längst nur noch dazu diene, die Produkte aller waffenexportierenden Länder zu 57 testen, nicht nur französische, deutsche, englische, italienische, schwedische, israelische, schweizerische Panzer kämpften gegen russische und tschechische, sondern auch russische gegen russische, amerikanische gegen amerikanische, deutsche gegen deutsche, schweizerische gegen schweizerische, überall in der Wüste fänden sich verlassene Panzerschlachtfelder, der Krieg suche sich immer neue Schauplätze, folgerichtig, weil nur durch den Waffenexport die Konjunktur einigermaßen stabil bleibe, gesetzt, die Waffen seien wettbewerbsfähig, fortwährend brächen wirkliche Kriege aus, wie der zwischen Iran und Irak zum Beispiel, er brauche weitere nicht aufzuzählen, da komme das Erproben von Waffen zu spät, daher kümmere sich die Waffenindustrie um so intensiver um den unbedeutenden Krieg hierzulande, der längst seinen politischen Sinn verloren habe, es handle sich um einen Scheinkrieg, die Instruktoren der waffenliefernden Industrienationen bildeten der Hauptsache nach Einheimische aus, Berber, Mauren, Araber, Juden, Neger, arme Teufel, die durch diesen Krieg privilegiert worden seien, kämen sie einigermaßen davon, doch nun sei das Land unruhig geworden, die Fundamentalisten sähen in diesem Krieg eine westliche Schweinerei, was ja stimme, zähle man den Warschauer Pakt auch dazu, der Chef des Geheimdienstes versuche aus dem Krieg einen internationalen Skandal zu machen, dazu sei ihm der Fall Sörensen willkommen, auch die Regierung möchte ihn einstellen, möchte, stehe dann aber vor einem wirtschaftlichen Desaster, der Generalstabchef schwanke noch und die Saudis seien unentschlossen, der Polizeichef wolle ihn weiterführen, er sei von den waffenproduzierenden Ländern bestochen, auch, wie man munkle, von den Israelis und vom Iran, und versuche die Regierung zu stürzen, unterstützt von den aus allen Windrichtungen herbeigeeilten sonst arbeitslosen Kameramännern und Fotografen, dieser Krieg sei ihr tägliches Brot, denn sein Sinn liege ja nur darin, daß er 58 beobachtet werden könne, nur so seien die Waffen zu testen und ihre Schwächen und Fehlkonstruktionen zu erkennen und zu verbessern und was ihn betreffe – er lachte, nahm neues Milchpulver und Wasser, während sie ihr Frühstück längst beendet hatte –, nun, da müsse er wohl etwas weiter ausholen, jeder habe seine Geschichte, sie die ihre, er die seine, er wisse nicht wie ihre begonnen habe, wolle es auch nicht wissen, die seine habe an einem Montag abend in New York in der Bronx begonnen, sein Vater habe einen kleinen Fotoladen gehabt, Hochzeiten fotografiert und jeden, der sich fotografieren lassen wollte und einmal habe er das Foto eines Gentlemans ausgestellt, von dem er nicht gewußt habe, daß er es nicht hätte ausstellen dürfen, das habe ihm dann ein Mitglied der Bande beigebracht, mit einem Maschinengewehr, so daß sein Vater durchlöchert hinter dem Ladentisch über ihn gesunken sei, der am Boden sitzend seine Schulaufgaben gemacht habe, an jenem Montag abend eben, habe sich doch sein Vater in den Kopf gesetzt, ihm eine höhere Bildung zu geben, Väter wollten immer zu hoch hinaus mit ihren Söhnen, aber er, als er nach einer Weile, da niemand mehr geschossen habe, unter seinem Vater hervorgekraxelt sei, habe beim Anblick des zerschossenen Ladens begriffen, daß die wahre Bildung darin bestehe, zu kapieren wie man durch die Welt komme, indem man sich der Welt bediene, durch die man kommen möchte, er sei mit der einzigen Kamera, die nicht wie sein Vater durchlöchert gewesen sei, in die Unterwelt gestiegen, als Dreikäsehoch sozusagen, zuerst habe er sich auf Taschendiebe spezialisiert, die Polizei habe seine Schnappschüsse nur mäßig bezahlt und nur wenige verhaftet, so sei keiner auf ihn aufmerksam geworden, darauf sei er kühner geworden und habe sich an die Einbrecher herangemacht, die Ausrüstung habe er sich teils zusammengestohlen, teils zusammengebastelt, er habe mit der Intelligenz einer Ratte gelebt, um Einbrecher zu fotografieren, müsse man 59 wie Einbrecher denken, die seien gewitzt und lichtscheu, einige Fassadenkletterer seien von seinem Blitzlicht geblendet abgestürzt, sie täten ihm noch jetzt leid, aber die Polizei habe immer noch schäbig bezahlt und mit den Fotos zur Presse zu laufen, hätte die Unterwelt alarmiert, so habe er denn Glück gehabt, niemand habe im schmächtigen Gassenjungen einen Fotografen vermutet, darum sei er größenwahnsinnig geworden und habe sich an die Killer herangemacht, ohne eigentlich zu überlegen, auf was er sich da einlasse, die Polizei sei zwar splendide geworden, ein Killer nach dem anderen sei nach Sing-Sing und auf den elektrischen Stuhl gewandert oder aus Vorsicht von seinen Auftraggebern abgeknallt worden, aber dann sei ihm aus Zufall im Central Park ein Fangschuß unterlaufen, der einem Senator die Karriere vermasselt und eine Lawine von Skandalen ausgelöst habe, wodurch die Polizei gezwungen worden sei, dem parlamentarischen Untersuchungsausschuß seine Existenz bekanntzugeben, von der sonst niemand wußte, von dem FBI aufgestöbert, habe ihn der Ausschuß auseinandergenommen, und mit seinem Bild in der Zeitung habe er, in sein Atelier zurückgekehrt, dieses im gleichen Zustand vorgefunden wie seinerzeit den Laden seines Vater, eine Zeitlang habe er sich noch über Wasser gehalten, indem er der Polizei Fotos von Killern und den Killern Fotos von Detektiven verkauft habe, aber bald hätten ihn alle gejagt, Polizei und Killer, und ihm sei nichts anderes übriggeblieben als sich bei der Armee in Sicherheit zu bringen, auch die hätten Fotografen gebraucht, legale und illegale, doch wenn er sage, er habe sich in Sicherheit gebracht, fuhr er fort, auf dem Sessel nach rückwärts gelehnt und die Beine auf dem Tisch, so sei das reichlich übertrieben, Kriege, auch wenn sie nur administrative Maßnahmen genannt würden, seien unpopulär, Abgeordnete und Senatoren, Diplomaten und Journalisten müßten überzeugt, seien sie nicht überzeugt, bestochen, seien sie nicht zu beste- 60 chen, erpreßt werden, zu diesem Zwecke hätten ihm Luxusbordelle zur Verfügung gestanden, die Fotos, die er da geschossen habe, seien politisches Dynamit, er sei dazu gezwungen gewesen, die Armee hätte ihn jederzeit nach Hause schicken können und in Anbetracht dessen, was ihn dort erwartete, habe er nachgegeben, mit dem Erfolg, daß er, als wieder ein Untersuchungsausschuß anrückte, von der Armee zur Luftwaffe geflüchtet sei, dann, weil nichts hartnäckiger sei als rachsüchtige Politiker, von der Luftwaffe zur Waffenindustrie, in die alle Interessen zusammengelaufen seien, so daß er hoffen durfte, sich dort endlich in Sicherheit zu finden, so sei er denn hier gestrandet, arg zugerichtet, ein stets gejagter Jäger, eine legendäre Gestalt für die Insider seines Berufs, die ihn denn auch zu ihrem Boß gewählt hätten und es sei denn auch eine der größten Schnapsideen seines Lebens gewesen, diese Wahl anzunehmen, denn damit sei er der Chef einer illegalen Organisation geworden, von der man jede Information über alle eingesetzten Waffen erhalten habe, deren Aufgabe auch definiert werden könne, daß sie die Spionage überflüssig mache, wer etwas über einen feindlichen Panzer oder über die Wirksamkeit einer Panzerabwehrkanone habe wissen wollen, habe sich nur an ihn zu wenden brauchen, dank seiner habe sich der Krieg weitergefrettet, durch seine allzu mächtige Position sei aber die Administration wiederum auf ihn aufmerksam geworden, um die Organisation zu zerschlagen, habe sie sich mit ihm in Verbindung gesetzt, er gelte auf seinem Spezialgebiet als der größte Experte, man wolle ihn nicht zwingen, aber einige Senatoren – nun gut, er habe ihren Auftrag angenommen und nun beginne die Organisation zu zerfallen, die Fortdauer des Kriegs sei fraglich, daß man ihm von Seiten seiner alten Kollegen nun nachstelle und ihn, tauche er auf, beobachte, sei nur allzu natürlich, um so mehr als er zugebe, einige allzu subtile Informationen zurückgehalten zu haben.

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Der Auftrag, oder, Vom Beobachten des Beobachters der Beobachter: Novelle in vierundzwanzig Satzen by Friedrich Durrenmatt


by Jason
4.5

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